Blogbeitrag: Nachnamen ändern

Bei der Hochzeit ändere ich meinen Namen.“ – „Und warum?“ So beginnen in meinem Umfeld Gespräche mit angehenden Ehefrauen – Freundinnen, Bekannten, Kolleginnen – über das Thema Namenwahl bei der Heirat. Dass eine Frau ihren Namen abgibt, weil sie sich aus persönlichen Gründen nicht damit identifizieren kann, der Name sprachlich eine negative Bedeutung hat, doof klingt oder schwer auszusprechen ist – das kann ich als Begründung nachvollziehen. In geschätzt 99 Prozent der Fälle, die ich miterlebt habe, nahm Frau allerdings wie selbstverständlich seinen Namen an. Eheschließungen, bei denen er seinen Namen in einen Doppelnamen änderte oder ihren Namen annahm, habe ich noch nie miterlebt. In keinem einzigen Fall. Stattdessen jedes Mal die immer gleichen Antworten der Frauen:

  1. „Er möchte seinen Namen behalten“: Frauen würden ihren Namen – genau wie der Mann – auch gern behalten.
  2. „Seinen Eltern ist das echt wichtig“: Partnerwahl und Beziehungsgestaltung überlässt frau jedenfalls nicht den Schwiegereltern.
  3. „Das ist eben die Tradition“: Wer mal über den Friedhof läuft und sich einzelne Grabsteine genauer anschaut oder alte Dokumente aus Uromas Jugend in einer Kiste auf dem Dachboden durchforstet, wird feststellen: Damals, als es noch „die Tradition“ gab, gingen Frauen bei der Hochzeit vom Eigentum des Vaters in das des Ehemanns über. Dementsprechend hieß es: Frau Hans Müller oder Eheleute Hans Müller.

Die Eheleute Hans Müller

Und heute? Statt stolz zu sein auf die Rechte, die ihre weiblichen Vorfahren mühsam erkämpft haben, lachen junge Frauen über ihre Mütter und Großmütter. Sie machen sich lustig über die Zungenbrecher-Namen der Leutheusser-Schnarrenbergers und Kramp-Karrenbauers, der Generation der heute 60-bis 80-Jährigen, die in den 70ern jung waren und damals die mühsam erkämpften Rechte als Erste wahrnehmen konnten. Denn dass Ehepartner ihren Familiennamen frei wählen oder Doppelnamen führen können, gilt erst seit 1976. Erst seit 1991 dürfen beide Eheleute bei der Eheschließung ihren Namen behalten. Und dass Frauen arbeiten dürfen ohne die Erlaubnis ihres Ehemanns vorweisen zu müssen, war auch nicht immer so; das geht erst seit 1977.

Fangt endlich an, damit aufzuhören

Frauen, die ihren Namen ohne echten persönlichen Grund selbstverständlich abgeben, die brauchen sich auch nicht ärgern über Väter, die in der Hochzeitsrede zum Bräutigam Sätze sagen, wie „Ich gebe sie dir gerne“ oder über Ehemänner, die nach der Geburt des zweitens Kindes Sätze sagen, wie „Ach Schatz, willst du wirklich wieder arbeiten gehen?“ Frauen, die ihren Namen ohne Diskussion selbstverständlich abgeben, die wirken unglaubwürdig, wenn sie auf einem Binnen-i in dem Wort KollegInnen beharren oder eine Frauenquote für Führungspositionen in Unternehmen fordern.

Sprache konstruiert Wirklichkeit

Sprache ist ein mächtiges Werkzeug und Namen sind der sprachliche ganz persönliche Ausdruck der eigenen Identität. Bei der Wahl des Namens bei der Hochzeit ist es wie mit dem Wahlrecht: Wer in einer Demokratie und in Frieden leben will, der hat nicht nur das Recht zu wählen, sondern auch die Pflicht, dieses Recht wahrzunehmen. Wer nicht wählen geht, darf sich anschließend auch nicht beklagen, angeblich benachteiligt zu werden. Frauen, die sich kampflos anpassen, weil sie denken, sie seien ja jederzeit gleichberechtigt, wenn sie das nur wollten, treten die hart erkämpften Frauenrechte ihrer Mütter und Großmütter mit Füßen. Frauen, die sich kampflos anpassen, haben eins nicht verstanden: Dass Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau nur dann existiert, wenn sie praktisch gelebt wird und nicht, wenn sie theoretisch möglich wäre.

erschienen bei Frida