Essay: Kann man permanent Fernweh haben?

Pro & Contra: Urlaub jedes Jahr am selben Ort oder immer anderswo?

Contra

Kann man permanent Fernweh haben? Ja, das geht. Ich bin das beste Beispiel. Nichts löst in mir eine größere Freude aus, als wenn ich meinen Rucksack packe, ein Flugzeug betrete und an einem unbekannten Ort wieder aussteige. Eine unbekannte Kultur kennenlernen, andere Landschaften entdecken, fremden Menschen begegnen: Für mich gibt es nichts Besseres. Natürlich könnte ich auch jedes Jahr an den gleichen Ort fahren, ins gleiche Hotel. Dann wüsste ich, was mich erwartet. Entspannter, stressfreier und komfortabler wäre das mit Sicherheit. Aber für mich vor allem eines: langweilig. Routine habe ich ja schon im Alltag.

Im Urlaub brauche ich Abwechslung. Deswegen erkunde ich immer neue Ziele: Brasilien, Schweden und Indonesien waren es zuletzt.

Auf Java habe ich während eines Freiwilligendiensts drei Monate bei einer muslimischen Familie gelebt. Klar, eine Dusche, die daraus besteht, sich einen Eimer Wasser über den Kopf zu kippen, ist anfangs ungewohnt. Genauso, wie morgens vom Gesang des Imams in der Moschee nebenan geweckt zu werden. Zurückgekommen bin ich dafür mit einer zweiten Familie.

Auch mein Outdoor-Trip mit Kanufahren und Zelten in Schweden war nicht wirklich komfortabel. Insbesondere, weil es die meiste Zeit geregnet hat. Die wunderschöne Landschaft aus Seen und Wäldern hätte ich anders aber nicht so gut entdecken können.

Und wenn ich in Rio nicht auf einer Luftmatratze in einer Musiker-WG übernachtet hätte, wäre mir auch die herzliche Begegnung mit Nina und Pedro entgangen. Meine Gastgeber sprachen kaum Englisch und ich kein Portugiesisch. Deshalb haben wir uns mit Händen und Füßen verständigt – und viel gelacht.

Einfach, bequem und nervenschonend sind solche Trips bestimmt nicht. Dafür erlebe ich aber Dinge, die für mich unbezahlbar sind: Ich lerne immer wieder Neues kennen, fordere mich heraus, teste meine Grenzen.

Anstrengend mag der ein oder andere das finden. Spannend würde ich es nennen. Denn überall wo ich hinkomme, füllt sich meine innere Weltkarte mit Farbe. Die zweidimensionale Karte verknüpft sich mit dem dreidimensional Erlebten. So werden Orte, die in meiner Vorstellung grau waren, plötzlich bunt.

Fragt mich jemand nach meinem Traumziel, zähle ich locker drei auf, wenn mich niemand unterbricht, werden es schnell zehn. Schließlich gibt es noch so viel zu entdecken. Ums „Ländersammeln“ geht es mir dabei nicht. Ich sammle Geschichten – und male meine innere Weltkarte immer bunter.

erschienen in den Online-Ausgaben der DuMont-Tageszeitungen