Interview mit Michael Martin, Wüsten-Fotograf

Michael Martin: Warum dieser Abenteurer alle Wüsten der Welt bereist

Der Geograph Michael Martin hat alle Wüsten der Erde bereist. In seinem neuen Bildband „Planet Wüste“ veröffentlicht der 52-Jährige jetzt seine besten Fotos und vergleicht Trockenwüsten erstmals mit Polarregionen. Im Interview erzählt er, was diese Extremzonen für ihn so besonders macht, warum er sich auf seine Expeditionen nicht vorbereiten braucht und wie ihn seine Reisen verändert haben.

Michael Martin, Jahrgang 1963, studierte Geographie in München, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seit mehr als 30 Jahren bereist er die Wüsten der Erde. Inzwischen hat er mehr als 30 Bücher veröffentlicht und mehr als 2000 Vorträge über seine Expeditionen gehalten. Die Vortragstour zu „Planet Wüste“ startet am 30. September 2015. Weitere Informationen auf: www.michael-martin.de

Was fasziniert Sie so an der Extremzone Wüste?

Michael Martin: Zum ersten Mal habe ich die Wüste als Schüler gesehen. Als 17-Jähriger war ich mit einem Freund per Motorrad nach Marokko gefahren. Die Wüste hat mich unheimlich beeindruckt: Die optisch reduzierte und gleichzeitig ästhetisch ansprechende Landschaft. Diese Extremzonen stellen einfach den absoluten Kontrast zu den Landschaften und Lebenswelten in Mitteleuropa dar. Damals habe ich zum ersten Mal einen Hauch von Abenteuer gespürt, die Welt lag uns zu Füßen. Der Drang, sie zu entdecken, war geboren.

Über Wüsten wird nicht so oft berichtet wie über Regenwälder oder Ozeane. Sie fordern, dass Wüsten besser geschützt werden sollten.

Ja, weil Wüsten und Polargebiete im Gegensatz zu Regenwäldern und Ozeanen immer noch als marginale Räume angesehen werden. Für viele Menschen ist eine Wüste ein Ort, aus dem Rohstoffe kommen, wo Waffen getestet, ausrangierte Flugzeuge geparkt oder Autorallyes veranstaltet werden können. Wir beuten diese Landschaften aus, dabei sind sie ökologisch höchst sensibel. Wo das Leben an seine Grenzen gerät, muss man zwar oft genauer hinsehen. Aber dann ist man fasziniert von den unglaublichen Anpassungsleistungen der Tiere, Pflanzen und Menschen.

Für das Projekt „Planet Wüste“ haben Sie in den vergangenen sechs Jahren 40 Reisen in die ganze Welt unternommen.

Martin: Genau. Ich bin dafür seit 2009 40 Mal verreist, immer zwischen zwei und sechs Wochen, insgesamt rund 1000 Tage. Zwischendurch war ich immer wieder zu Hause in München, manchmal nur für zwei Tage. Aber nie länger als zwei Wochen.

Wie anstrengend ist es, permanent unterwegs zu sein?

Für mich gar nicht. Ich bin das schon lange so gewöhnt und finde den ständigen Wechsel eher inspirierend. Mein Leben besteht einfach aus Reisen und anschließenden Vortragstouren. Auf manche Reisen kommt meine Frau auch mit.

Haben Sie bei einer Pause von zwei Tagen zwischen zwei Reisen überhaupt Zeit, sich auf den nächsten Trip vorzubereiten?

Ich bereite nicht viel vor. Ich überlege mir nur die grobe Richtung, in die ich vor Ort will. Was ich an Ausrüstung brauche, habe ich alles zu Hause. Das packe ich innerhalb von einer Stunde ein. Manchmal buche ich vom Flugzeug aus einen Mietwagen. Den Transport versuche ich also schon, ein bisschen zu planen.

Wie entscheiden Sie, wo Sie anhalten, was Sie fotografieren?

Wenn das Licht stimmt und ich eine spannende Situation vor mir habe, dann halte ich an. Wenn zum Beispiel Kamele oder Rentiere von der Weide reingeholt oder geschoren werden, wenn sich ein Gewitter am Himmel aufbaut oder ich einem interessanten Menschen begegne. Länger als eine Nacht bleibe ich eigentlich nie an einem Ort. Von meinen Reisepartnern fordere ich schon extreme Flexibilität. Dafür bezahle ich dann im Gegenzug ihre Reise.

Wer hat Sie denn begleitet?

Eigentlich reise ich immer wieder mit den gleichen Menschen: Mit meinen Freunden Jörg, Thilo und Ralf und mit meiner Frau. Wer gerade Zeit hat, kommt mit. Zweierteams finde ich perfekt. In größeren Gruppen zu reisen, führt nur zu Diskussionen und hält auf.

Gibt es trotz Ihrer Entdeckerlust auch etwas, dass Ihnen unterwegs Angst macht?

Klar, ich frage mich unterwegs vor allem, ob zu Hause alles klappt, ob mit meinen Kindern und im Büro alles in Ordnung ist. Vor Ort ist es besonders die Natur, die mir Respekt einflößt. Wüsten sind lebensfeindliche Gebiete. Wenn ich in der Arktis einen Handschuh verliere, kann ich mir die Hand abfrieren, in der Sahara könnte ich auf eine Mine treten. Solche militärisch-sicherheitstechnischen Aspekte muss ich immer bedenken.

An welche brenzlige Situation erinnern Sie sich?

2014 war ich im Nord-Tschad unterwegs. Dort gibt es viele Minengebiete, die unter Gaddafi eingerichtet wurden. Das war absolut nicht ungefährlich. Auf Baffin Island in Kanada bin ich einmal vom Schlitten gefallen, als der Fahrer dieses Snow Mobiles plötzlich schnell beschleunigt hat. Er hat aber nicht gemerkt, dass ich nicht mehr da war. So stand ich da mitten im Eis, ganz allein, ohne Gewehr in einer Region, in der es viele Eisbären gibt. Nach einer halben Stunde ist dem Mann endlich aufgefallen, dass ich fehle und dann kam er zurück.

Wie verständigen Sie sich unterwegs mit den Menschen, denen Sie begegnen?

Grundsätzlich bin ich eher zurückhaltend und vorsichtig. Gleichzeitig verhalte ich mich freundlich und respektvoll. Es klingt vielleicht einfach, aber ein offenes Lächeln kommt überall gut an. Ich bin immer sehr gastfreundlich behandelt worden. Und das von Menschen, die in viel ärmeren Ländern und in der Wüste schließlich unter besonders harten Bedingungen leben. Trotzdem begegnen mir Glück und Freude.

Reisen erweitern bekanntlich den Horizont. Wie hat sich ihr Blick auf Europa im Laufe der Jahre geändert?

Einerseits habe ich Vieles an Europa schätzen gelernt, was für uns selbstverständlich scheint: Rechtsstaatlichkeit, medizinische Versorgung, soziale Sicherheit, Presse- und Meinungsfreiheit. Ich kann „Merkel ist doof“ sagen, und es passiert nichts.

Andererseits ist unser Blick in Europa sehr eingeschränkt. Wir interessieren uns für Griechenland, unsere Rente oder eine mögliche Autobahnmaut. Zu erfahren, dass es auch ganz andere Lebenswelten gibt, tut mir gut. Gerade in Sachen Menschlichkeit haben wir meiner Meinung nach in Europa Nachholbedarf.

Die Familien, denen ich in den Wüsten begegnet bin, halten zum Beispiel viel stärker zusammen als die Menschen bei uns. Niemand würde dort auf die Idee kommen, Alte in Heime zu stecken. Ich kann sagen, dass mich die Kraft, Würde und Warmherzigkeit der Wüstenbewohner immer wieder aufs Neue beeindrucken.

Wenn Sie auf alle Reisen zurückblicken: Was ist für Sie unterwegs ein Moment großer Freude?

Wenn ich am Abend oder am frühen Morgen die Bilder, die ich tags zuvor gemacht habe, auf meinem Kameradisplay anschaue und sehe, dass sie gut geworden sind. Ich empfinde es als sehr befriedigend, etwas geschafft zu haben. Dann fühle ich mich wie ein Bergsteiger, der auf dem Gipfel ankommt. Und natürlich freue ich mich auch, wenn ich zu Hause ankomme, meine Frau und meine Kinder wiedersehe.

Der durchschnittliche Deutsche verreist im Jahr vielleicht zwei Mal. In sechs Jahren sind das zwölf Reisen. Sie kommen auf 40. Wie haben Sie die Reisen finanziert?

Ein Projekt finanziert das nächste. So war es dieses Mal auch wieder: Ich habe mein Erspartes einfach in dieses Projekt gesteckt und bin komplett in Vorleistung gegangen. Der erste Euro kommt wieder rein, wenn ich ab Ende September auf Vortragstour gehe. Wenn ich morgen krank werde oder einen Autounfall baue, habe ich ein Problem. Dieses Risiko ist mir bewusst. Wenn ich nicht bereit wäre, es zu tragen, könnte ich diesen Job nicht machen.

erschienen in den Online-Ausgaben der DuMont-Tageszeitungen