Interview mit Sebastian Copeland, Arktis-Fotograf

Faszination Nordpol: So werden wir die Arktis nie wieder sehen

Eisbären, Eisberge, Eiseskälte: Das ist die Arktis. Fotograf Sebastian Copeland hat die einzigartige Landschaft rund um den Nordpol in faszinierenden Bildern festgehalten – bevor die Folgen des Klimawandels sie für immer verändern.

„Arctica: The Vanishing North“ (auf Deutsch „Arktis: Verschwindender Norden“) hat Sebastian Copeland seinen neuen Bildband genannt. Damit spricht er schon im Titel an, worum es ihm mit seinen Aufnahmen vor allem geht: Aufmerksam machen auf die Verletzlichkeit dieser einzigartig schönen Region der Erde. Im Interview spricht der Fotograf, Jahrgang 1964, über die Herausforderungen seiner Expeditionen ins ewige Eis, die Begegnung mit einem Eisbären und verrät, welches Motiv es ihm besonders angetan hat.

Sebastian Copeland, Jahrgang 1964, hat europäische Wurzeln und ist in New York aufgewachsen. Seit 2005 bereist er immer wieder die Arktis und Antarktis. Bevor er begann, sich als Fotograf und Aktivist für die Umwelt einzusetzen, drehte er als studierter Filmemacher Musikvideos und Werbeclips. Copeland lebt mit seiner deutschen Frau und der gemeinsamen Tochter in Los Angeles. Er stammt aus einer kreativen Familie: Sein Vater ist ein französischer Dirigent, seine Großeltern sind Schauspieler. Ebenso wie sein berühmter Cousin Orlando Bloom.

2005 sind Sie das erste Mal in die Arktis gereist.Was fasziniert Sie an dieser Landschaft, am Eis?

Sebastian Copeland: Die Arktis hat mich vom ersten Moment an gefesselt. Ich kannte Kälte, aber nicht solche Kälte. Aus der praktischen Perspektive finde ich es super, dass das Eis grenzenlose Wassermengen bereithält und ich es einfach nur schmelzen muss. So brauche ich keine Wasservorräte tragen. Das ist der Vorteil gegenüber anderen Wüsten.

Künstlerisch gesehen gefällt mir sehr, wie sauber die Landschaft ist, visuell vollkommen frei von menschlichen Einflüssen und vom Chaos, das organisches Leben mit sich bringt. Das Eis ist leer – wie eine weiße Leinwand. Optisch und philosophisch lädt mich solch eine weiße Leinwand zum Interpretieren und Reflektieren ein.

Wie fühlt es sich für Sie an, inmitten der weißen Wüste zu stehen?

Als sei ich der letzte Mensch auf diesem Planeten, verletzlich, aber im Frieden mit mir selbst. Und im Angesicht dieser übermächtigen Umwelt klein und unbedeutend.

Haben die Expeditionen in die Arktis Sie verändert?

Raue, unberührte Landschaften helfen uns dabei, unseren Platz in der natürlichen Ordnung wiederzufinden. Außerhalb der komfortablen Städte begegnet uns die Natur plötzlich ganz unvermittelt. Es gibt keinen Ort, um sich zu verstecken. Man ist vollkommen ausgeliefert. Ich fühle mich dann besonders demütig. Die eigenen Bedürfnisse schrumpfen auf ein Minimum. So merke ich, wie wenig ich brauche, um glücklich zu sein. Das ist die erste Lektion, die ich im Eis gelernt habe.

Sie stehen nicht 365 Tage im Jahr in der Arktis. Wie lange sind Sie bei einer Expedition unterwegs und was tun Sie, wenn Sie zu Hause in Los Angeles sind?

Die bisherigen Reisen haben zwischen 20 und 55 Tagen gedauert. 80 Prozent einer ganzen Expedition finden statt, bevor ich überhaupt einen Fuß aufs Eis gesetzt habe. Ich verbringe leider viel Zeit meines Tages am Computer: Ich bearbeite Fotos, schneide Filme, schreibe Texte oder bereite eine Rede vor. Je nachdem, welche Termine und Fristen meiner laufenden Projekte gerade anstehen. Die Expeditionen sind die Belohnung für die vielen Stunden vorm Rechner.

Wie läuft im Gegensatz dazu ein Tag im Eis ab?

Als erstes mache ich den Ofen an. Daran wärmen mein Team und ich uns auf. Außerdem lässt die Hitze das Eis an den Zeltwänden schmelzen. Sonst könnten wir das Zelt später nicht abbauen und einpacken. Nach dem Frühstück füllen wir Behälter mit heißen Getränken ab, waschen uns und ziehen unsere Ausrüstung an. Das Gehen ist ziemlich anstrengend. Deswegen machen wir pro Stunde zehn Minuten Pause, essen und trinken etwas. Das geht dann acht bis 16 Stunden so – je nach Trip, Temperatur und Wasservorrat.

Am Ende des Tages folgt der gleiche Ablauf wie am Morgen, nur in umgekehrter Reihenfolge: Zelte aufbauen, Ofen anzünden, Wasser schmelzen. Nichts ist dann besser als die erste Tasse heiße Suppe des Tages. Nach dem Abendessen kümmere ich mich um meinen Blog und lade die Batterien für meine Kamera auf. Wenn der Ofen aus ist und ich im Schlafsack liege, fühle ich, wie die eisige Kälte wieder ins Zelt kriecht.

Wie viel schwerer macht es die extreme Kälte, zu fotografieren?

Sie macht die einfachsten Dinge kompliziert. Alles geht viel schwerfälliger von der Hand. Batterien zum Beispiel vertragen die Kälte nicht, so dass ich sie nah am Körper tragen muss. Ein Foto zu machen, bedeutet, dass ich meinen Schlitten stoppen und anhalten muss. Ich muss die Kamera heraussuchen und das passende Objektiv. Dann Handschuhe ausziehen, Batterien in die Kamera stecken. Das muss alles schnell geschehen, weil die Finger sehr schnell sehr kalt werden und einfrieren können. Außerdem muss ich aufpassen, dass das Okular nicht vernebelt und einfriert. Das geschieht durch die Wärme der Augenlider sehr schnell. Man braucht also auf jeden Fall mehrere Versuche für eine Aufnahme.

Anzuhalten bedeutet zwangsläufig auch, dass mir kalt wird. Denn damit mir nicht zu heiß wird, wenn ich den Schlitten ziehe und ich nicht ins Schwitzen komme, ist meine Kleidung verhältnismäßig dünn. Um vor dem Fotografieren eine warme Jacke anzuziehen, müsste ich erst den Gurt ausziehen – das würde aber noch mehr Zeit kosten.

Welche Motive fotografieren Sie am liebsten?

Eisberge. Sie sind quasi eine natürliche abstrakte Skulptur. Weil sich ihre Form durch die Temperaturen verändert, sind Eisberge für mich so etwas wie lebendige Kreaturen, die in ihren letzten Atemzügen liegen. Ich halte sie fest. Jedes Foto ist eine Momentaufnahme und absolut einzigartig. Im Frühling und Sommer ergeben sich tolle Effekte durch das reflektierende Wasser rundherum. Aus künstlerischer Sicht gefällt mir besonders, dass ich mit den Aufnahmen von Eisbergen in der monochromatischen Tradition der Fotografie bleibe. Das geht, weil das Farbspektrum im Eis sehr reduziert ist. Die gedeckten Blau- und Grüntöne bieten aber eine tolle Alternative zur klassischen Schwarz-Weiß-Fotografie.

In Ihrem Buch zählen Sie auch brenzlige Situationen auf, in die Sie geraten sind: Von Einbrüchen ins Eis, peitschenden Stürmen und von Begegnungen mit hungrigen Eisbären. In welcher Situation hatten Sie am meisten Angst?

Bei minus 35 Grad Celsius ins Eis einzubrechen war schon sehr angsteinflößend. Es ist aber so schnell passiert, dass ich die Angst erst im Nachhinein gespürt habe. Als ich in Grönland über mehrere Tage von Stürmen in Hurrikan-Stärke festgenagelt wurde, habe ich mich durch die Macht der Natur einmal mehr völlig unbedeutend gefühlt. In solchen Momenten kann ein kleiner Fehler den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Von einem riesigen aggressiven Raubtier überrascht zu werden, das dich töten und fressen will, ist einfach eine Grenzerfahrung. In dem Moment läuft alles in Slow Motion ab.

Welche Erinnerung haben Sie daran?

Ich war ganz schön leichtsinnig, weil ich den Bären bis auf fünf Meter habe herankommen lassen. Ich wollte einfach unbedingt gute Aufnahmen machen. Am Ende habe ich das Tier mit drei Schüssen ins Eis vertreiben können. Der Knall, die Explosionen des Eises und das aufspritzende Wasser haben ihm zum Glück Angst gemacht. Viele Abenteurer, die ich kenne, haben solche Situationen schon einmal erlebt. Die Gefahr ist eben allgegenwärtig: So lange du eine Waffe dabei hast, um die Bären zu vertreiben, stehen die Chancen zu deinen Gunsten.

Viel mehr als durch Abenteurer gefährdet der Klimawandel die Eisbären der Arktis. Das Eis, ihr Lebensraum, schmilzt unaufhaltsam. Wie fühlt es sich an, eine Landschaft im Bild festzuhalten, die es in einigen Jahrzehnten genau so nicht mehr geben wird?

Ob ein Gletscher schnell oder langsam schmilzt, kann ich in einem Standbild nicht festhalten. Bilder können aber Emotionen einfangen und Gefühle vermitteln. Wissenschaftliche Daten sind oft sehr abstrakt und für viele Menschen verwirrend. Meine Bilder können deshalb eine Brücke zwischen Herz und Verstand bilden. Ich hoffe, dass sie zu Gedanken führen, auf die Taten folgen.

Welche sind Ihrer Meinung nach die dringendsten Handlungen zum Schutz der Arktis?

Die Regierungen müssen weltweit die Reduzierung von Emissionen vorschreiben. Statt weiterhin fossile Energien zu subventionieren, sollte das Geld in den Ausbau erneuerbarer Energien gesteckt werden. Ich finde es sehr traurig, dass darüber diskutiert wird, Öl- und Gasfirmen dafür zu entschädigen, wenn sie nicht im Eis bohren. Das ist einfach absurd, wenn man die langfristigen Konsequenzen ihrer Aktivitäten bedenkt. Auch das Bevölkerungswachstum zu stoppen ist eine der dringendsten Herausforderungen.

Was ärgert sie in der Diskussion um den Klimawandel am meisten?

Der fehlende Mut der Politiker. Gewählte Politiker sollten Anführer sein. Viele kümmern sich nur um wählerfreundliche Themen und setzen den Klimawandel ganz unten auf die Tagesordnung, weil diese Problematik über einzelne Legislaturperioden hinausgeht. Es ärgert mich auch, dass Wissenschaftlern, die den Klimawandel leugnen, eine so laute Stimme gegeben wird. Wie fortschrittlich eine Zivilisation ist, zeigt sich nicht zuletzt an ihrem Wissen. Wenn uns die vermeintlichen Experten aber nicht lehren, im Einklang mit der Natur zu leben, bringt uns das Wissen gar nichts. Warum sollte man die Forschung solcher Wissenschaftler dann überhaupt finanzieren?

Was bedeutet es für die Menschen, dass sie nicht mehr im Einklang mit der Natur leben?

Wir haben uns in Städten bequem eingerichtet, aber den Kontakt zur Natur haben wir verloren. Dabei haben Menschen in früheren Zeiten durchweg in enger und respektvoller Beziehung zu ihrer Umwelt gelebt. Heute manipulieren wir diese Beziehung. Deshalb werden wir letztlich die Folgen tragen. Das ist vielen Leuten heute noch nicht klar, aber die Lektion werden wir lernen und sie wird schmerzvoll sein.

erschienen in den Online-Ausgaben der DuMont-Tageszeitungen