Interview mit Stefan Sirtl, Backpacker und Fotograf

Stefan Sirtl: Rucksack-Tourist reist mit Sessel um die Welt

Er fand ihn auf dem Sperrmüll: Seitdem nimmt Stefan Sirtl einen roten Sessel mit auf Reisen. Die Menschen, die er unterwegs trifft, bittet er, sich zu setzen. Entstanden sind beeindruckende Porträt-Aufnahmen.

Stefan Sirtl (32) promoviert derzeit an der Universität Freiburg in Physik. Seine erste Reise mit Sessel unternahm er mit seiner guten Freundin Julia nach Mittelamerika. Die zweite Reise führte Sirtl und seine Freundin Indre nach Südostasien. Sein Foto-Projekt hat er „Sientate“ genannt, Spanisch für „Setz dich“. Bis zum 12. Dezember stellt Sirtl Bilder in der Freiburger Uni-Mensa aus. Sponsoren, die das Projekt unterstützen wollen, finden Infos auf www.sientate.de.

Mit einem Sessel verreisen und darin Leute fotografieren, das macht nicht jeder. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Sirtl: Ich habe den Sessel vor drei Jahren nach einer durchzechten Nacht auf dem Sperrmüll gefunden und spontan beschlossen, ihn mitzunehmen. Dabei war der Sessel total verratzt: Er stank, die Federn standen raus und das Polster war durchgesessen.

Wer saß dann als erstes Modell?

Meine gute Freundin Julia. Ich hatte mir gerade meine erste Spiegel-Reflex-Kamera gekauft und wollte gern die Langzeitbelichtung ausprobieren. Also habe ich den Sessel in eine Einkaufspassage gestellt und Julia reingesetzt. Die Passanten sollten Schwaden ziehen. Hat aber nicht geklappt.

Warum?

Die Leute sind alle stehengeblieben. Sie dachten wohl, Julia wäre irgendeine Berühmtheit. Jedenfalls wollten die Leute dann auch mal im Sessel sitzen und fotografiert werden. Den ganzen Tag standen ständig bestimmt zehn Leute Schlange. Da sind viele interessante Gespräche zustande gekommen und am Ende hatte ich 200 Bilder von fremden Leuten. Wer mir seine E-Mail-Adresse gegeben hat, dem habe ich sein Foto geschickt. Auf jeden Fall hat mich die Aktion richtig geflasht – und die Idee, ihn auf Reisen mitzunehmen, war geboren.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe den Sessel erstmal auf Vordermann gebracht. Ich dachte, der zerfällt mir sonst unterwegs. Also habe ich verschiedene Polstereien angeschrieben und so einen Betrieb gefunden, der den Sessel immer wieder fit macht. Der Sessel hat übrigens auch einen Namen bekommen: „La Silla“, das heißt „Stuhl“ auf Spanisch. Dann habe ich La Silla eine Achse gebaut und auf Räder gesetzt. Die zweite Reise bin ich professioneller angegangen. Da habe ich richtige Mountainbike-Räder anbringen lassen. Damit konnte ich La Silla dann mit dem Fahrrad ziehen – ganz schön anstrengend.

Haben Sie unterwegs jemals daran gedacht, ihn stehen zu lassen?

Nein, ich hatte nie das Gefühl, ich hätte ein Klotz am Bein. Irgendwie entwickelt man im Laufe der Zeit auch Gefühle für so einen Sessel. Spätestens wenn ich am Strand angekommen war, wusste ich, warum ich das mache. Ich habe auch immer extrem aufgepasst, dass den Sessel keiner klaut.

Mit einem Sessel verreisen ist also gar nicht so schwierig?

Es ist überraschend einfach. Ich dachte, bestimmt wird er mir jetzt an jeder Grenze aufgeschlitzt, weil die Beamten misstrauisch sind, aber das ist nicht passiert. Wenn ich mit dem Reisebus unterwegs war, wurde La Silla einfach auf dem Dach festgeschnallt. Verrückt, aber meine schwierigste Etappe war mit der Bahn nach Frankfurt zum Flughafen. Ich hatte für den Sessel ein Fahrradticket gelöst, aber der Schaffner wollte mich rausschmeißen. So was erlebt man nur in Deutschland.

Wie haben Sie vor Ort Menschen gefunden, die sich porträtieren lassen wollten?

Wenn’s geht, überlasse ich alles dem Zufall. In Mittelamerika habe ich mich einfach mit dem Sessel auf den Marktplatz gesetzt und gewartet, bis mich jemand anspricht. Ich spreche Spanisch und konnte den Menschen mein Projekt einfach erklären. Die Leute sind richtig aktiv geworden und haben selbst Ideen eingebracht, wen man wie fotografieren könnte. In Nicaragua ist zum Beispiel eine Flaschensammlerin auf mich zugekommen, die überlegt hat, wie sie auf ihre Situation aufmerksam machen kann. Sie habe ich schließlich im Sessel auf einem Müllberg aus Flaschen fotografiert.

In Asien, wie ging es dort ohne Sprachkenntnisse?

Nicht so einfach, die Menschen sind auch generell zurückhaltender. Und ich hatte den Eindruck, dass sie weniger mit Straßenkunst anfangen können. Einmal habe ich in Vietnam einen Bauern angesprochen. Er hat mich zu sich eingeladen und mir erst mal Reisschnaps angeboten. Zum Warmwerden sozusagen. Es war aber ganz schön schwierig, das Projekt mit Händen und Füßen zu verklickern. Und ich möchte auch niemanden überreden. Manche haben sofort mitgemacht, andere haben mich vom Grundstück gejagt und gedroht, die Polizei zu rufen. Ich glaube, viele Leute dachten auch, ich bin bescheuert. Für mich zählt das Endprodukt.

Und für die Leute? Viele wollten bestimmt einen Abzug ihres Fotos haben, oder?

Soweit das möglich ist, schreibe ich mir die E-Mail-Adressen auf und maile den Modellen ihr Bild. Aber auf dem Land haben viele Asiaten einfach kein E-Mail-Postfach. Gerade den Kindern konnte ich schwer erklären, warum ich ihnen das Bild, das sie ja auf dem Kameradisplay gesehen haben, nicht einfach geben konnte. Auf die nächste Reise will ich eine Polaroid-Kamera mitnehmen.

Wohin soll die nächste Reise denn gehen?

Das steht noch nicht genau fest. Ich hätte aber Lust, Europa mal mit dem VW-Bus zu erkunden. Dann kann ich La Silla auch leichter transportieren.

Das Projekt geht also weiter?

Ich bin froh, dass ich nicht von der Kunst leben muss, aber ich wünsche mir, dass ich mit La Silla noch viele Leute fotografieren kann. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, ohne Sessel zu reisen. In großen Galerien ausstellen, das strebe ich gar nicht an. Wenn ich irgendwann mal aufhöre, würde ich gern ein Portfolio an Fotos geschaffen haben, das die Vielfalt der Menschen auf dieser Welt zeigt. Das reicht.

erschienen in den Online-Ausgaben der Dumont-Tageszeitungen